Migrationsspezifische Stressoren

Auf dieser Seite werden eine Reihe von migrationsspezifischen Stressoren beschrieben, die mit Migrationsprozessen einhergehen können (aber nicht müssen). Die Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, dass migrationsbezogene Aspekte zur Vulnerabilität (= Verletzlichkeit) von Menschen beitragen, beispielsweise für psychische Erkrankungen, die im Zuge der Kindeswohlgefährdung eine bedeutsame Rolle spielen können. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Migration gleichzeitig mit Benachteiligungen in unterschiedlichen Lebensbereichen einhergeht. 

Dabei haben es Fachkräfte im Bereich des Kinderschutzes insbesondere mit den "Schattenseiten" der Migration zu tun, mit benachteiligten Menschen und Familien, bei denen die mit der Migration verbundenen Stressoren gehäuft auftreten bzw. weniger Ressourcen zur Verfügung stehen, diese konstruktiv zu bearbeiten.

Bei der Thematisierung solcher Aspekte bietet das Wissen um migrationsspezifische Stressoren eine hilfreiche Landkarte für Fachkräfte, um zieldienliche Fragen zu stellen, Gespräche zu strukturieren, Verhaltensweisen zu kontextualisieren bzw. depathologisieren und passende Interventionen zu planen (die folgenden Ausführungen basieren insbesondere auf Teupe 2012b und Teupe 2019d). 

 

Die folgende Seite wird fortlaufend aktualisiert. Senden Sie uns gerne Beispiele guter Praxis oder Materialien, die wir hier aufnehmen können!

 

Spannungssituation zwischen Rückkehr und Verbleib

Bei Familien mit Migrationshintergrund können unterschiedliche Ursprungsideen bezüglich dem Bleiben im Aufnahmeland bzw. der Rückkehr ins Herkunftsland bestehen (Existenz aufbauen, bleiben, vorübergehend bleiben, um dann zurückzukehren…). Diese können im Verlauf der Migration aus unterschiedlichen Gründen brüchig werden (z.B. wg. fehlender Lebensperspektiven im Aufnahmeland; getätigten Investitionen im Herkunftsland, „Rückkehrorientierung u.ä.). Dabei können Ambivalenzen zwischen einer Orientierung an der Aufnahmegesellschaft und dem Wunsch nach einer Rückkehr in die Heimat zu erheblicher emotionaler Spannung führen, insbesondere wenn unterschiedliche Wünsche von verschiedenen Familienmitgliedern vertreten werden. Für den Kontext der Gastarbeitermigration werden die mit einer „Rückkehrorientierung“ verbundenen Folgen auch für das Leben im Aufnahmeland (prekäre Wohn- und Lebensverhältnisse, Investitionen ausschließlich in Immobilien im Herkunftsland, Verzicht auf Spracherwerb, brüchige Bildungskarrieren der Kinder durch Phasen des Schulbesuchs im Herkunftsland in Vorbereitung auf die Rückkehr usw.) eindrücklich in der ethnografischen Studie „Turkish Power Boys“ beschrieben (vgl. Tertilt 1996: 169ff.). Ambivalenzen können je nach Migrationsphase eine unterschiedliche Rolle spielen. In der Anfangsphase trägt vielleicht noch der kollektive Mythos  des Zurückkehrens, der später dann brüchig wird. Konflikte und Symptombildungen können die Folge sein (Generationen-/Autoritätskonflikte/Verschärfung pubertärer Ablöseprozesse…). Bedeutsam wird hier das gemeinsames Ergründen, beispielsweise wer innerhalb der Familie stärker der Idee verhaftet ist, in die Heimat zurückzukehren oder zu bleiben, um an den jeweils damit einhergehenden Befürchtungen und Sorgen anzusetzen. Jene, die zurückkehren möchten, zeigen möglicherweise eine geringere Offenheit gegenüber der Entwicklung von Perspektiven zur Gewährleistung des Kindeswohls im Aufnahmeland, verbunden mit der Verklärung und Romantisierung der Heimat sowie der Wahrnehmung der Lebenssituation in Deutschland anhand von Klischees. 

Besondere Stressanfälligkeit durch Verunsicherung und fehlende Bewältigungsstrategien

Als weiterer Stressor wird die besondere Stressanfälligkeit durch Verunsicherung und fehlende Bewältigungsstrategien benannt. Zahlreiche zusätzliche Entwicklungsaufgaben infolge einer Migration können zu einer generell erhöhten Vulnerabilität führen. Dabei können vielfältige Verunsicherungen auftreten (z.B. erwartetes, als normal erachtetes Verhalten wird weniger gezeigt, Sprachlosigkeit, Statusverlust, Einsamkeit, psychische und soziale Labilisierung (vgl. Weiss 2000; Sluzki 2010), gleichzeitig sind bewährte Bewältigungsstrategien aus dem Herkunftsland unbrauchbar geworden (z.B. soziale Beziehungen, Alltagswissen) und neue konnten (noch) nicht aufgebaut werden. Der Verlust der Anbindungen an das Herkunftsland kann für Menschen zur Belastung werden, wenn das Alte nicht mehr gilt, aber das Neue noch nicht aufgebaut ist. 

Menschen gehen unterschiedlich mit solchen Verunsicherungen um. Mögliche Formen sind z.B. das Klammern an Mythen der Ursprungsländer durch Jugendliche (z.B. Re-Ethnisierungstendenzen, vgl. hierzu Tertilt 1996; Uslucan 2010). Gegenstand der Zusammenarbeit kann in solchen Kontexten die Arbeit an einer konstruktiven Bewältigung von Unsicherheitsgefühlen sein. Bedeutsam kann der Einsatz von Hilfen werden, die Familien bei der konkreten Alltagsbewältigung unterstützen - bei Ämtergängen, Gesprächen mit ErzieherInnen und LehrerInnen, der Regelung ihrer finanziellen Situation, der Teilnahme an Sprachkursen – als Beitrag zur größeren Sicherheit im alltäglichen Handeln und zur Wiederherstellung eines selbständig gestalteten Familienalltags (Integrationslotsen). Bedeutsam ist ebenfalls, den Familien ihre Stärken und Kompetenzen bewusst zu machen, die im Zuge der nachhaltigen Verunsicherung aus dem Blick geraten sind und ihnen damit Sicherheit zurückzugeben.

Rollenaufteilungen und –veränderungen der Familienmitglieder

Ebenfalls als Stressor werden in der Literatur Rollenaufteilungen und –veränderungen der Familienmitglieder im Zuge der Migration beschrieben. Diese erfolgen häufig zu Beginn der Migration zwecks Anpassung (z.B. Innen- und Außenorientierung), und können sich im Migrationsverlauf weiter verändern. Dies betrifft insbesondere Rollenveränderungen hinsichtlich Männern, Frauen sowie Generationen und kann unterschiedliche Gründe haben:

  • Sozioökonomische Zwänge: evtl. gelingt es der Mutter leichter, Arbeit zu finden,

  • Frauen sind mit Kindern alleine mehrere Monate in der Heimat geblieben, haben Eigenständigkeit entwickelt und schätzen gelernt und möchten diese bewahren, 

  • durch sprachliche Kompetenzen, die Kinder durch institutionelle Anbindung schneller erwerben – Kinder als „Außenminister“ (Übersetzung im Alltag, Begleitung bei „Erwachsenenterminen“, Parentifizierung…)

  1. Kinder können dadurch in sie überfordernde Situationen geraten, ohne dass die Eltern in der Lage sind, sie ausreichend davor zu schützen. Eine weitere Folge können Statusverluste von Familienmitgliedern sein, die mit Partnerschaftsproblemen und Schamdynamiken einhergehen können (wenn beispielsweise Väter nicht mehr das Gefühl haben, die Familie ernähren oder schützen zu können).

  2. Dadurch kann ebenfalls eine Schwächung der Familie als Handlungsmodell für die Kinder entstehen, die überfordert und frustriert sind oder Schamreaktionen zeigen („Eltern können nichts/verstehen nichts“), im Nachhinein beschreiben viele Kindern dies als „Verlust der Kindheit“. Kinder reagieren auf solche Statusverluste der Erwachsenen unterschiedlich: 

  • mit Abwertung/trotziger Respektlosigkeit, 

  • große Bedeutung/Attraktion der peer group, die inneren Zusammenhalt/Stärke vermittelt (Ausgleich des schmerzlich Vermissten)

  • hilflose Eltern, die evtl. versuchen, Respekt einzufordern…

Eine weitere Folge veränderter Rollen können Ängste bei Brüdern und Eltern infolge des erweiterten Handlungsspielraums von Mädchen und des fehlenden Vertrauens in das fremde Umfeld sein. In diesem Kontext kann sich evtl. eine Tendenz zum Männlichkeitsgebaren von Brüdern zur Kompensation zeigen, das sich erst nach der Migration entwickelt hat. Die Eltern tendieren möglicherweise dazu, den Töchtern weniger Freiraum als vorher zuzugestehen, was zu mitunter langwierigen Entwicklungs- und Leidensprozessen für Eltern führt, wenn die Töchter in die Pubertät kommen.

Bedeutsam kann es dann sein, in der Zusammenarbeit Zusammenhänge des Verhaltens zutage zu fördern, und gemeinsam die dahinter liegenden Bedürfnisse zu thematisieren, um familiäre Zukunftsperspektiven zu entwickeln (etwa hinsichtlich eines respektvollen Umgangs miteinander). Das gemeinsame Verstehen nimmt bereits Druck, die Familie erfährt Respekt und Anerkennung ihrer Bedürfnisse, was den Blick für mögliche Veränderungen öffnen kann. Hier gilt es an der Stärkung der Väter, Mütter, Kinder anzusetzen im Umgang mit eigenen Affekten, Herausforderungen und Entwicklungsthemen (vgl. Teupe 2019d). 

Mitunter sind z.B. Flüchtlingseltern aufgrund ihrer täglichen Probleme und psychischen Befindlichkeiten nicht in der Lage, sich für die Belange ihrer Kinder zu engagieren, dann bleibt als Lösung nur, den Flüchtlingskindern selbst Unterstützung und Begleitung anzubieten, indem man ihnen Zeit und Raum gibt, über ihre Dilemmata zu sprechen, die sie ihren Eltern nicht anvertrauen können, und gemeinsam Lösungen zu suchen, mit diesen besser umzugehen (vgl. Teupe 2019d).

Konfrontation mit regressiven Zuständen von Hilflosigkeit, Desorientierung und Abhängigkeit

Ein weiterer Stressor ist die Konfrontation mit regressiven Zuständen von Hilflosigkeit, Desorientierung und Abhängigkeit: Häufig sind mit der Migration progressive Wünsche verbunden („den Kindern eine gute Zukunft bieten“, „ein erfülltes Leben inmitten der deutschen Gesellschaft führen“…), und es gibt eventuell auch (finanzielle) Erwartungen von Familienangehörigen im Herkunftsland. Im Verlauf der Migration  zeigt sich mitunter jedoch schon bald eine tiefe Kluft zwischen Erwartungen und dem real erreichbaren Status im Aufnahmeland (unwürdige Lebensumstände, beschränkte Möglichkeiten aktiver Meisterung der Umwelt, Unwissenheit, Gefühle der Würdelosigkeit und Abhängigkeit, Arbeitslosigkeit bzw. Arbeitsverbot, Beschäftigung unter dem eigenen Qualifikationsniveau, Fremdenfeindlichkeit…). Eine Folge können Wut und Enttäuschung sein, sowie der Rückzug in Subkulturen, wenn gesellschaftliche Teilhabe dauerhaft verweigert wird (vgl. mit Blick auf Jugendliche wieder sehr lesenswert Tertilt 1996; Weber 2003), verbunden mit einer Idealisierung und Überbewertung der Haltung und Werte der Herkunftskultur zur Kompensation dieser „Kultur der Unterprivilegierung“, denn die vermeintlich vertraute Kultur bietet Sicherheit (vgl. zu marginalisierter Männlichkeit und Ethnisierung z.B. Weber 2003). 

Mögliche Ansatzpunkte in der Zusammenarbeit mit der Familie können dann folgende sein (vgl. Teupe 2012d): 

  • mit Familien Handlungsmöglichkeiten und Grenzen ausloten, 

  • bei der Umsetzung von Handlungsmöglichkeiten unterstützen - bspw. sicherzustellen, dass alles, was rechtlich möglich ist, auch genutzt wird, 

  • Erfahrungen von Selbstwirksamkeit herstellen, 

  • Enttäuschungen und Frustrationen ebenso Raum zu geben wie evtl. den mit solchen Situationen einhergehenden Gefühlen, als Eltern versagt zu haben…

Druck des schulischen Erfolgs

Studien zu den Bildungsaspirationen von Migrantenfamilien zeigen, dass der Wunsch der Eltern, dass ihre Kinder zu einem anerkannten Teil der neuen Gesellschaft werden und ein selbst bestimmtes Leben führen, hoch ausgeprägt ist (vgl. Konsortium Bildungsberichterstattung 2006). Familien mit Migrationshintergrund fehlen mitunter jedoch die Möglichkeiten, ihre Kinder in ihrer schulischen Laufbahn hinreichend zu unterstützen. Hinzu kommen Unzulänglichkeiten des deutschen Schulsystems, der den Schulerfolg in hohem Maße von der Unterstützung und dem Engagement der Eltern abhängig macht. Seit Jahrzehnten sind die Schieflagen im hoch selektiven deutschen Bildungssystem bekannt, die in hohem Maße Kinder aus bildungsfernen Familien benachteiligen. Da Familien mit Migrationshintergrund überdurchschnittlich häufig auch sozialstrukturell benachteiligt und bildungsfern sind, trifft die systematische Schlechterstellung Migrantenkinder in besonderer Weise. Politische und gesellschaftliche Versäumnisse der letzten Jahrzehnte sind bis heute spürbar (Stichwort Rotation, Unterschichtung). Die Bildungsberichterstattung der letzten Jahre kommt einhellig zu dem Ergebnis, dass MigrantInnen Verlierer der sehr stark von sozialstrukturellen Faktoren abhängigen Bildungschancen in Deutschland sind (z.B. PISA-Bericht; Hradil 2004; Beauftragte 2016). Einige Schlaglichter dazu: 

  • die Hälfte der geflüchteten Kinder, die zur Schule gehen, erhalten keine gezielte Sprachförderung, 

  • zugewanderte Kinder mit türkischen oder arabischen Hintergrund werden trotz gleichem Notendurchschnitt seltener für das Gymnasium empfohlen... (labeling approach, vgl. Gomolla/Radtke 2002)

  • Migrantenkinder und –jugendliche verfügen über schlechtere Schulabschlüsse als ihre einheimischen Altersgenossen (obgleich langsam ansteigender Anteil mit guten Abschlüssen)

  • sie werden häufiger an die Förderschule überwiesen oder zurückgestellt, 

  • sie brechen häufiger die Schule ab, häufiger ohne Schulabschluss (2016: 4 % vs. 12 %, nur 2. Generation: 6,7 %)

  • sie haben größere Schwierigkeiten an den Übergängen (sowohl Übergang Schule – Ausbildung als auch Ausbildung – Erwerbsarbeit), die Übergänge sind auch langwieriger, es gibt häufiger Altbewerber unter den Jugendlichen mit Migrationshintergrund

  • sie landen überproportional häufig im Übergangssystem; sind häufiger ausbildungs- und arbeitslos = chancenlos

In diesem Kontext können überhöhte und unrealistische Bildungserwartungen der Eltern zur Frustrationsquelle werden und je nach entstehendem Druck zu Eskalation und dauerhaften oder phasenweisen Überforderungssituationen führen.

Hilfreich kann es in der Zusammenarbeit sein, das Interesse der Eltern zu utilisieren (begrüßenswerte Absichten, Wünsche und Sorgen der Eltern anerkennen, Verhaltensweisen einzelner in den Blick nehmen und auf erwünschte und unerwünschte Auswirkungen hin prüfen, Suche nach Handlungsalternativen) und den Eltern die Kindperspektive veranschaulichen (diese haben im deutschen Alltag evtl. keinen Einblick in die Lebenswirklichkeit ihrer Kinder und können daher den Grad ihrer Belastungen nicht einschätzen).

Familienzusammenhalt „um jeden Preis“ infolge des Lebens in der Fremde

Mitunter erhält „Familie“ als Rückzugsort in der Migrationssituation eine besondere Bedeutung (Vertrautheit), wenn, z.B. für einzelne Familienmitglieder das Alleine-Zurechtkommen in der Migrationssituation unvorstellbar scheint. In diesem Kontext können wechselseitige Abhängigkeiten entstehen (auch bei binationalen Partnerschaften). Der Familienzusammenhalt kann zu einer Coping-Strategie werden („Scheidungstabu“, „lebenslange Familiensolidarität“) und erklärt z.B. das Festhalten an der Fortsetzung der Ehe mit gewalttätigem Handeln aus Angst, alleine in der Fremde nicht zurecht zu kommen; diese Angst überwiegt die Schmerzen der (vertrauten) Misshandlungen. In der Zusammenarbeit zeigt sich die zentrale Bedeutung der Thematisierung von Ängsten, denn auf Emanzipation abzielende Interventionen, die diese Angst übergehen oder nicht hinreichend würdigen, oder aber kulturalistische Betrachtungsweisen, die das Verhalten von Müttern in einer solchen Situation auf deren traditionelles Rollenbild zurückführen, greifen zu kurz

Überangepasstheit infolge des Wunsches nach Normalität

Überangepasstheit kann ebenfalls eine als Bewältigungsstrategie für Familien in einer Minderheitensituation werden. Damit einher können Idealisierung der Aufnahmegesellschaft und die Verleugnung von Konflikten gehen, wenn Familien um jeden Preis Teil der Aufnahmegesellschaft sein möchten. In der Literatur wird in der Folge ein kritik- und haltloses Aussetzen der Kinder in die neue Umgebung beschrieben („Kuckucksstil“ der elterlichen Erziehung nach Roer-Strier) (vgl. Roer-Strier nach Walter/Adam 2008: 257). Kinder erleben sich in vielen Situationen als von den Eltern alleine gelassen, ihnen fehlt der elterliche Rückhalt in Konfliktsituationen - etwa in der Schule. In der Pubertät sind Konflikte erwartbar, wenn Jugendliche weniger auf Anpassung als vielmehr auf Abgrenzung aus sind und damit die familiäre Bewältigungsstrategie ins Wanken bringen. 

Ständige Diskriminierung

Menschen mit Migrationshintergrund sind in unterschiedlicher Weise mit Diskriminierung konfrontiert, je nachdem, wie sehr ihr Hintergrund erkennbar ist (Hautfarbe, Kleidungsmerkmale, Sprache mit Akzent…) und wie er durch das soziale Umfeld bewertet wird (negative Einstellung gegenüber Sprachen wie russisch oder türkisch, positivere Einstellung gegenüber Französisch, Italienisch, Spanisch, Englisch). 

In vielen Studien werden alltägliche Diskriminierungserfahrungen beschrieben, von der „Diskriminierung im Nebensatz“ bis hin zur offenen Ablehnung: Beleidigungen, Abwertungen, Anschreien, abwertende Blicke, ignorieren, Aufbauen räumlicher Distanz, nicht ernst genommen werden sind die häufigsten Erfahrungen, die nicht spurlos an Eltern/Kindern vorbeigehen (vgl. Terkessidis 2004; Antidiskriminierungsstelle des Bundes 2016). Negative Effekte von Diskriminierungserfahrungen auf die psychische Gesundheit sind in Studien nachgewiesen worden. Für Kinder ist die Gewissheit, zu einer Gesellschaft zu gehören, eine wesentliche Voraussetzung für das Entstehen eines Selbstwertgefühls. Häufig erlebte Diskriminierungen vermitteln ihnen das Gefühl, fremd und defizitär zu sein und nicht dazuzugehören (Gefühl von Kontroll- und Sicherheitsverlust, angstauslösend, mitunter existentielle Not). Eine solche konstante unterschwellige oder ganz offen gezeigte Verweigerung von Zugehörigkeit ist ein zentrales und schwerwiegendes Problem im aktuellen Integrationsdiskurs. Folgen können sein: 

  • Gewalt von Jugendlichen als möglicher Versuch, sich „Respekt“ zu verschaffen sowie als Reaktion auf Ausgrenzung, Geringschätzung und Missachtung (vgl. u.a. Tertilt 1996; Weber 2003; Uslucan 2010)

  • Evtl. Versuch der Abgrenzung von „wenig kompetenten Eltern“, um nicht selbst ins Visier rassistischer Abwertung zu geraten

  • Bei (Flüchtlings-)Eltern mitunter Skepsis, z.B. Psychopharmaka einzunehmen, Ideen wie „die wollen uns hier nicht, daher wollen die deutschen Ärzte uns mit ihrer Medizin krankmachen“ als Reaktion auf Rassismuserfahrungen (keine paranoide Tendenz) (vgl. Teupe 2019d)

Die Thematisierung von Diskriminierungserfahren von Familien und deren Auswirkungen auf das Verhalten der Eltern und Kinder ist zentraler Gegenstand sozialpädagogischer Diagnostik. Dabei geht es darum, den Erfahrungen und damit einhergehenden Gefühlen Raum zu geben, um deren Auswirkungen bewusst und dadurch veränderbar zu machen. Dazu gehört auch die Thematisierung dysfunktionaler Coping-Strategien (Substanzmittelmissbrauch), und die Förderung eines konstruktiven Umgangs mit Diskriminierung (sportliche Aktivität, Aufbau sozialer Netzwerke…). Die Arbeit mit den Familien beinhaltet auch, Kinder und Jugendliche, Mütter und Väter auf den Umgang mit Rassismus vorzubereiten, über die Stärkung der eigenen Identität, die Entwicklung und modellhafte Erprobung von Umgangsformen mit Rassismus.  

Geringes soziales Netzwerk – „Popcorn-Dynamik“

An den bisher ausgeführten Stressoren wird deutlich, dass Migrantenfamilien häufig aufgrund ihrer herausfordernden Lebenssituation eine Vielzahl innerer Spannungen zu bewältigen haben. Gleichzeitig leben die Familien möglicherweise in einer abgeschlossenen und isolierten Lebenssituation. Diese zeichnet sich mitunter durch fehlende soziale Netzwerke aus, die eine erhebliche Schutzfunktion haben (vgl. Korbin 2002). Zudem kann die Sprache fehlen, um solche Netzwerke aufzubauen. Familien fehlt das Wissen bzgl. Angeboten, sie können sich für ihre eigene Situation schämen, weil sie sich Unternehmungen nicht leisten können u.v.m. Spannungen können in einer solchen Konstellation oft nur innerhalb der Familie ausgetragen werden, denn übliche lebensweltliche Strategien (Kneipenbesuch, Aktivität im Verein u.ä.) stehen nicht zur Verfügung. Schnelle Eskalationen können eine naheliegende Folge sein – vergleichbar mit einem Popcorntopf mit geschlossenem Deckel (Roer-Strier) (vgl. Roer-Strier in Walter/Adam 2008: 257).

Unsichere Lebensperspektive bei befristetem Aufenthalt

In einer besonders belastenden Situation leben Familien dann, wenn sie keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erhalten. In der Erhebung des Projekts Migrationssensibler Kinderschutz (MSKS) war dies jede 10. Familie im Kinderschutz. Denkbar ist, dass sich diese Anteile aufgrund der erhöhten Fluchtzuwanderung der letzten 3 Jahre erhöht haben. Häufig leiden die betreffenden Eltern und/oder Kinder unter posttraumatischem Belastungsstörungen, so dass sie ihre Alltagsaufgaben kaum bewältigen und die Eltern ihre Kinder nicht adäquat versorgen können (vgl. Wendler 2006: 2). Die mitunter lange Unklarheit über die Entscheidung der Ausländerbehörde lässt keine aktive Zukunftsbewältigung zu und erschwerte es Familien, sich uneingeschränkt auf das Leben in Deutschland einzulassen. So beschreiben afghanische Eltern ihre Not bei der Erziehung ihrer pubertierenden Tochter: „Wir müssen hier so leben, als ob wir morgen wieder zurückkehren, denn sonst bekommt unsere Tochter nach der Abschiebung in unser Heimatland keinen Zugang mehr zur afghanischen Gesellschaft.“ Die drohende Abschiebung schwebt als Damoklesschwert über der Familie und kann zur Retraumatisierung einzelner Familienmitglieder führen - Suizidalität ist eine mögliche Folge davon, beispielsweise infolge der entstehenden Hoffnungslosigkeit oder aufgrund des latenten Gefühls der Bedrohung des eigenen Lebens.

Traumatisierung

Ein weiterer zentraler migrationsspezifischer Stressor von Familien können kritische Lebensereignisse wie beispielsweise migrationsbedingte Trennungserfahrungen und Traumatisierungen vor und während der Migration sein (z.B. Phasen der Trennung der Kinder von den Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen, wenn sie z.B. erst im Herkunftsland verbleiben und später nachgeholt werden oder wenn minderjährige unbegleitete Flüchtlinge von ihren Eltern zunächst fortgeschickt werden, um in einer sicheren Umgebung eine bessere Zukunft zu haben (vgl. Hüttenhain 2011: 12; Uslucan 2010: 294).

Besonders belastend können sich Migrationsgeschichten für Flüchtlingsfamilien darstellen, insbesondere für Flüchtlingskinder. Geflüchtete stellen insofern eine besondere Migrantengruppe dar, als eine beträchtliche Anzahl von AsylbewerberInnen und Geflüchteten sowohl in ihrem Herkunftsland als auch auf der Flucht körperlichen und seelischen Extremsituationen ausgesetzt waren bzw. sind. Durch Verfolgung, Folter, Flucht oder erzwungene Migration können starke Traumatisierungen vorliegen. Auch die prekären Lebensumstände im Aufnahmeland, die oft gekennzeichnet sind durch die Unsicherheit des Aufenthaltsstatus, Residenzpflicht, Trennung von der Familie durch Zuweisung des Wohnortes, Unterbringung in Gemeinschaftsunterkünften und Lagern, eingeschränkte medizinische Versorgung, Sachleistungsversorgung statt Geld (kein Geld für Mobilität und Kommunikation), Arbeits- und Ausbildungsverbote etc. können zu einer Verschlechterung oder sogar einer Retraumatisierung von Flüchtlingen beitragen (vgl. Spallek/Zeeb 2010: 64; Hüttenhain 2011: 5). Entsprechend sind Flüchtlingsfamilien besonders anfällig für psychische Erkrankungen, wobei die Symptome posttraumatischer Belastungsstörungen zahlreich und vielfältig sind. Ablöseprozesse von Jugendlichen aus Flüchtlingsfamilien können aufgrund starker Schuldgefühle, die mit der Lösung von Loyalitätsbindungen zu den traumatisierten, labilen, erkrankten, hilflosen Eltern einhergehen können, besonders krisenhaft verlaufen, etwa durch aggressives Abgrenzungsverhalten von Jungen oder suizidale Phantasien oder Handlungen von Mädchen (vgl. Walter/Adam 2008: 262). Erste unterstützende Angebote können hier die ganztägige Betreuung in Kitas und Schulen sowie Therapieangebote für psychisch belastete Eltern sein. Eine weitere spezielle Gruppe stellen die sogenannten Illegalisierten dar. Diese sind aufgrund ihres Status besonderen psychosozialen Belastungen ausgesetzt - soziale Exklusion, keine oder schlechte medizinische Versorgung, schwieriger bis unmöglicher Schulbesuch, ständige Sorge des "Erwischt-Werdens", schlechte Wohnbedingungen sind nur einige davon (vgl. Spallek/Zeeb 2010: 65).

„Die Arbeit der Fachkräfte im Kinderschutz mit von solchen Ereignissen und Lebenssituationen betroffenen Familien erfordert ein hohes Maß an Anstrengung. Übliche Vorgehensweisen greifen nicht, Kinderschutzarbeit ist hier gleichzusetzen mit "Familienschutzarbeit", da Kinderschutz häufig erst durch die Sicherstellung sonst selbstverständlicher Aspekte sichergestellt werden kann, die die familiäre Situation betreffen. Die Fachkräfte bewegen sich hier gemeinsam mit den Familien in einem rechtlich restriktiven Bereich, das Benennen von Aspekten, die Familien mindestens sicherstellen müssen, damit die Fachkräfte das Kindeswohl als gesichert ansehen, greift deutlich zu kurz. Denn es braucht darüber hinaus eine mitunter intensive Begleitung und Unterstützung dieser Familien, um solche Anforderungen überhaupt erst erfüllen zu können, will man die Familien nicht einfach nur zusätzlich unter Druck setzen und sie in weitere Dilemmata nötigen. Die Einbeziehung rechtlicher Grundlagen und Handlungsspielräume ist in solchen Fällen von besonderer Bedeutung, ebenso die eigene Positionierung der Fachkraft hinsichtlich der Nutzung und Füllung dieses Rahmens.“ (Teupe 2012b: 218f.)

 


Materialien und Literatur

Teupe, Ursula 2019d: Migrationssensibles Fallverstehen. Fachvortrag am 13.11.2019 im Rahmen der Fortbildung „Migrationssensibler Kinderschutz“ in Mainz.

Teupe, Ursula 2012b: Migrations- und kultursensible Diagnostik im Kinderschutz. in: Jagusch, B./Sievers, B./Teupe, U. (Hrsg.) 2012: Migrationssensibler Kinderschutz. Ein Werkbuch. Mainz, S. 187-227.

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