Methodische Tools

An dieser Stelle stellen wir methodische Tools vor, die Fallverstehen in interkulturellen Begegnungen befördern können. Fallverstehen bildet die notwendige Grundlage, um Eltern und Kinder unterstützend zu begleiten und Kinder bei Bedarf zu schützen. Die hier vorgestellten methodischen Tools erheben nicht den Anspruch, als einzeln angewandte Methode umfassendes Fallverstehen zu ermöglichen. Vielmehr kann ihr Einsatz den fortdauernden Prozess des Fallverstehens, der viele verschiedene Schritte beinhaltet und im Verlauf auf sehr unterschiedliche Aspekte fokussieren kann, ergänzen und damit bereichern.

 

Methode „Ich-als …“ - Runde

Die Ich-als-Runde ist eine Methode der Identifikation. Sie wurde nicht speziell für die Fallberatung zu Familien mit Zuwanderungsgeschichte entwickelt, lässt sich aber in diesem Bereich sehr gut anwenden. Da es in der interkulturellen Begegnung sein kann, dass für die fallführende Fachkraft die Sichtweisen, Gedanken und Gefühle der beteiligten Familienmitglieder schwerer nachvollziehbar sind, ggf. befremdlich erscheinen, stellen identifikative Methoden eine gute Möglichkeit dar, das eigene Fallverstehen zu vertiefen. Denn genau dies ist eine Indikation für identifikative Methoden: Dass Perspektiven von Interaktionspartnern für die fallführenden Kolleg*innen (zunächst) unklar und unerklärlich scheinen.

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Methode „KPS-Modell" (Kultur - Person - Situation)

Das KPS-Modell wurde 1998 von Leenen und Grosch entwickelt. Es dient der Interpretation von Verhalten in interkulturellen Situationen. Unterschieden werden in diesem Modell drei zentrale Einflussfaktoren auf menschliches Verhalten: (1) Kultur, (2) Person und (3) Situation. Diese drei Ebenen gilt es auch bei der Einordnung von Lebenssituationen im Kontext Kinderschutz in den Blick zu nehmen. Das Gegenteil dazu wäre eine “kulturalisierende Perspektive” - eine Erklärung von gezeigtem Verhalten und innerfamiliärer Dynamiken mit der Kultur der Adressat*innen, während die konkreten Umstände einer (Lebens)situation sowie personale Faktoren ausgeblendet werden. Ein differenzierter Blick auf unterschiedliche Einflussfaktoren von Verhalten und Dynamiken ist notwendige Grundlage professionellen Handelns.

Lesen Sie hier weiteres zur Dauer, Gruppengröße, Anwendungsbereich und Ablauf: Methode „KPS-Modell” als kompakte PDF.

Methode „Interkulturelles Pendeln"

Interkulturelles Pendeln ist eine Haltung und zugleich eine Methode der Gesprächsführung, die von Barbara Abdallah-Steinkopff, F. Akhtar und S. Krasniqi entwickelt wurde. Das interkulturelle Pendeln ermutigt Fachkräfte dazu, mit Adressat*innen über ihre kulturellen Werte und Normen, die ihr Verhalten begründen, in den Austausch zu gehen und so zu verstehen, was die jeweils guten Gründe für ihr Verhalten sind. Interkulturelles Pendeln fördert das wechselseitige Verständnis für Verhaltens- und Sichtweisen, die aus verschiedenen Lebenskontexten resultieren können. Es reduziert Missverständnisse auf beiden Seiten, die dann entstehen können, wenn gezeigtes Verhalten auf der Grundlage eigener kultureller Vorstellungen bewertet und interpretiert wird. Ziel des interkulturellen Pendelns ist es, Adressat*innen dabei zu unterstützen, Auswirkungen des eigenen Migrationsprozesses auf das gegenwärtige Erziehungsverhalten und gegenwärtige Erziehungseinstellungen zu reflektieren.  

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Methode „Erörterung der Migrationsgeschichte"

Fallverstehen im Kinderschutz beinhaltet u.a. die Erörterung subjektiver Beweggründe sowie innerfamiliärer Dynamiken mit den Adressat*innen. Migrationserfahrungen sind bedeutsame Bestandteile individueller und familiärer Biographien, die diese beiden Aspekte wesentlich beeinflussen. Aus professioneller Perspektive relevant ist dabei die je individuelle Bedeutung, die der Prozess der Migration innerhalb einer Familie und auf Seiten einzelner Familienmitglieder gewinnt. Migration ist einerseits ein Prozess mit einer erhöhten Inzidenz von Stressoren und Anforderungen, gleichzeitig hängen die konkreten Auswirkungen sowie damit einhergehende Chancen und Risiken von Wechselwirkungen einzelner Risiko- und Schutzfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen (individuell, familiär, sozial, gesellschaftlich-kulturell) ab. Zudem sind Migrationshintergründe und -situationen heterogen: Familien entscheiden sich aus sehr unterschiedlichen Gründen, ihre Heimat zu verlassen, sich in eine mehr oder weniger fremde Welt zu begeben, die Umstände des Migrationsaktes selbst sind äußerst heterogen und im Aufnahmeland zeigen sich unterschiedliche Möglichkeiten der Realisierung von Zukunftsperspektiven bzw. Herausforderungen in der Alltagsgestaltung. Bewältigungsanforderungen von Migrationsprozessen unterscheiden sich demnach erheblich, ebenso wie die je individuell bzw. familiär ausgebildeten Bewältigungsstrategien im Umgang damit.

Der Austausch mit Eltern, Kindern und Jugendlichen über ihre individuelle Migrationsgeschichte und die damit einhergehenden Erwartungen, Befürchtungen und konkreten Auswirkungen im Rahmen von Hilfe- und Schutzkontexten ist demnach grundlegend bedeutsam für das Fallverstehen sowie daran anknüpfende Hilfe- und ggf. Schutzmaßnahmen. Eine gute Grundlage hierfür bietet das 5-Phasen-Modell der Migration von Sluzki. Bei aller Heterogenität einzelner Migrationsverläufe werden in diesem Modell Muster herausgestellt, nach denen Migrationsprozesse ablaufen. Damit bietet dieses Modell eine gute Orientierung, um mit Familien ihre aktuelle Lebensrealität und innerfamiliäre Dynamiken näher zu beleuchten und einzuordnen. Die 5 Phasen sowie damit einhergehende Aspekte des Austauschs mit Adressat*innen werden in diesem methodischen Tool vorgestellt.

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